Die Lobby macht Stimmung gegen Berset anstatt gegen die Pharma

Urs P. Gasche / 15. Mrz 2018 – Eine Pharmafirma hetzt das Parlament und die Öffentlichkeit gegen den Bund auf, weil das BAG einen überrissenen Preis ablehnt.

Direkte Briefe an die Parlamentsmitglieder, parlamentarische Interpellationen, Motionen und Anfragen, offene Briefe an Gesundheitsminister Alain Berset sowie Mitleid erregende Geschichten betroffener PatientInnen in den Medien: Das sind gängige Lobby-Methoden, um die Behörden als unmenschliche Rappenspalter hinzustellen und in die Knie zu zwingen.

Jüngstes Beispiel ist das neue Medikament Orkambi der US-Pharmafirma Vertex. Nach Angaben der Firma könnten in der Schweiz rund 300 Patientinnen und Patienten, die an Zystischer Fibrose leiden, vom neuen Medikament profitieren.

200’000 Franken pro PatientIn und Jahr

Das Bundesamt für Gesundheit BAG hat es jedoch noch nicht in die «Spezialitätenliste» als Pflichtleistung für die Kassen aufgenommen, weil die Pharmafirma einen zu hohen Preis fordere. Die neue Therapie, welche die bisherige ergänzt, würde das Achtfache (!) der bisherigen Therapie kosten und die Prämien mit jährlich fast 60 Millionen Franken belasten. Die PatientInnen sollen das Medikament das ganze Leben lang einnehmen.

Der von Vertex verlangte Behandlungspreis von 200’000 Franken pro PatientIn und Jahr wäre höchstens dann zu rechtfertigen, wenn das neue Medikament Orkambi

  • die Lungenfunktion der an Zystischer Fibrose erkrankten wesentlich verbessern würde;
  • die Lebenserwartung der PatientInnen verlängern würde.

Beides ist jedoch nach den bisher von Vertex eingereichten Unterlagen nicht der Fall. Ein längeres Überleben der PatientInnen ist nicht nachgewiesen. Die Lungenfunktion und damit die Lebensqualität verbessert Orkambi nach Angaben des BAG «nur geringfügig».

Als nachgewiesene Vorteile kommt es zu weniger Spitaleinweisungen, und der Einsatz von Antibiotika kann reduziert werden.

Der langfristige Nutzen und die langfristigen Risiken des Medikaments, das lebenslänglich eingenommen werden soll, sind noch nicht nachgewiesen.

Orkambi bringt also nach heutigem Wissensstand einen klaren, aber nicht überwältigenden Vorteil gegenüber der bisherigen Therapie. Wer möchte den Leidenden an dieser angeborenen Stoffwechselerkrankung diesen Vorteil nicht gönnen.

Allerdings sind die um das Achtfache höheren Behandlungskosten von 200’000 Franken pro Jahr und PatientIn für den bisher nachgewiesenen, eben doch beschränkten Nutzen nach Ansicht etlicher Pharmakologen und des BAG unverhältnismässig. Die Firma müsste mindestens so lange einen tieferen Preis zugestehen, bis ein noch grösserer Nutzen nachgewiesen ist.



Die effektiv verlangten Preise im Ausland sind «Geschäftsgeheimnis»

Die Firma argumentiert mit ähnlich hohen Listenpreisen ab Fabrik im Ausland. Dabei handelt es sich jedoch um fiktive Schaufensterpreise, die dem sogenannten, in vielen Länderen praktizierten «Auslandpreisvergleich» dienen. Die tatsächlich im Ausland von den Kassen oder den Behörden ausgehandelten und bezahlten Preise behandelt die Pharmafirma als «Geschäftsgeheimnis». Diese Preise sind erheblich tiefer.

Während der Krankenkassenverband Santésuisse die harte Haltung des BAG «im Interesse der Prämienzahlenden» begrüsst, macht die Pharmalobby viel Wind im Parlament und in der Öffentlichkeit.

Die «Schweizerische Gesellschaft für Cystische Fibrose» CFCH, die von den Pharmafirmen Vertex (Herstellerin von Orkambi), Novartis, Vifor und Mylan gesponsert wird, schrieb an Bundesrat Berset publikumswirksam einen «offenen Brief».

Eine Gruppe von Ärzten, die ZF-PatientInnen behandeln und ebenfalls Geld der Pharmafirmen entgegennehmen, sandte nach Angaben der NZZ sämtlichen Mitglieder des Ständerats eine E-Mail, in dem sie Bersets harte Haltung kritisieren.

SP-Ständerat Hans Stöckli, der als Geliko-Präsident verschiedene, von Pharmafirmen mitfinanzierte Gesundheitsvereine vertritt, hatte im letzten September im Parlament sogar eine Interpellation eingereicht. Er verlangte für ZF-PatientInnen einen «raschen Zugang» zum «vielversprechenden» Orkambi. Den Preis, den die Pharmafirma verlangt, erwähnte er nicht. In seiner Antwort erklärte der Bundesrat, der Preis müsse in einem vernünftigen Verhältnis zum therapeutischen Nutzen stehen, was gegenwärtig nicht der Fall sei.

Die sture, überrissene Preisforderung der US-Pharmafirma ist hauptverantwortlich dafür, dass ZF-PatientInnen in der Schweiz vom neuen Medikament noch nicht profitieren können. Statt jedoch die Pharmafirma zu kritisieren und den Bundesrat und das BAG in ihren Preisverhandlungen zu unterstützen, schieben Ärzte und Lobby-Politiker den schwarzen Peter allein den Behörden zu.

Quelle: Infosperber | Autor: Urs P. Gasche

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